Familie Schaffert

Peters Geburt aus Peters Sicht

Am 6. Dezember 1998 begann ich zu entstehen. Mein Urknall fand statt, als Mutters Ei und Vaters Samen aufeinander trafen und sobald sie sich vereinigt hatten, begann ich mich auszudehnen, zunächst einfach als Zellhaufen, aber nach und nach zeigten sich Unterschiede und nach einiger Zeit begann ich mir eine Form zu geben und die verschiedenen Zellen sammelten sich, um Organe zu bilden. Noch ganz am Anfang begann ich bereits meiner Mutter zu signalisieren, dass ich da bin.  Das Signal, ein Hormon, dient als Mitteilung für Mutters Körper, dass er jetzt nicht so fortfahren kann, wie sonst. Die Hormone, die schließlich dazu führen, die Gebärmutterschleimhaut wieder abzustoßen, was zur regelmäßige Blutung führt, dürfen jetzt nicht gebildet werden. Statt dessen brauche ich andere Hormone von ihr, die mich am Leben erhalten und außerdem muss sich ihr Körper auf die neue Situation einstellen, darauf, nun ein weiteres Lebewesen zu ernähren und wachsen zu lassen. Das von mir ausgesandte Signal wird von Mutter wieder ausgeschieden und kann im Urin gemessen werden. Und das dient heutzutage dazu, festzustellen, ob ich da bin.

Als also die Blutung ausblieb, führte Mutter diesen Schwangerschaftstest durch und mein Hormon hinterließ einen blauen Punkt auf dem Papierstreifen. Dies war die erste Bestätigung meines Daseins, dass meine Eltern erhielten.

Immerhin muss ich sagen, dass meine Eltern durchaus Rücksicht auf mich nahmen. Das sonst übliche winterliche Skifahren ließen sie in diesem Jahr sein, denn sie fürchteten, dass es mir vielleicht nicht bekommen könnte und sie wollten mir nicht schaden, kaum dass ich entstanden war, denn sie hatten einige Zeit auf mich gewartet.

Natürlich konnten sie es nicht lassen, hin und wieder nach mir zu sehen. Nicht nur, wie andere Eltern, beim Frauenarzt, sondern sie konnten selbst mit einem Ultraschallgerät zu mir sehen, und sie freuten sich jedes Mal, wenn ich mich bewegte oder wenn neue Eigenschaften an mir erkennbar waren. Bei mir wurde es dann immer einen Tick wärmer, aber ich freute mich auch, dass sie sich so um mich kümmerten. Nur dass sie mit dem Ultraschall immer versuchten, mir zwischen die Beine zu schauen, um festzustellen welches Geschlecht ich habe, fand ich etwas indiskret.

Als ich mich bewegen konnte, meldete ich mich öfters bei meiner Mutter. Ihr machte es glaube ich auch Spaß, weil es ein Lebenszeichen von mir war. Nur zuletzt schien es ihr nicht immer zu gefallen, wenn ich gegen ihre Bauchwand trat und gegen den Magen boxte.

Als ich größer wurde, versuchten meine Eltern immer zu ertasten, wie ich im Moment wohl liege und mir machte es Spaß, mich immer mal hin und her zu drehen. Als es etwas eng wurde, stellte ich mich auf den Kopf. Offensichtlich gehört das so, denn alle fanden das wohl ganz in Ordnung. Mal war mein Rücken links, mal rechts und immer wieder tasteten meine Eltern und die Hebamme nach mir. Als ich dann aber noch einen Purzelbaum schlug, so dass ich mit dem Kopf wieder oben lag, da wurden meine Eltern irgendwie nervös. Abends leuchteten Sie mit einem kleinen Licht im Unterbauch und es klingelte unten ein kleines helles Glöckchen, dass sich meine Mutter an ihrer Hose befestigt hatte. Weil es einen so hellen und doch weichen Klang hatte, versuchte ich ihm aus Neugier immer näher zu kommen und lag schließlich doch wieder mit dem Kopf nach unten und alle waren glücklich.

Am Schluss wurde es ein bisschen eng und ich wollte auch langsam raus. Ich rutschte also soweit wie möglich nach unten, aber ohne Mutters Hilfe konnte ich nicht durchkommen. Schließlich ging am 31. August nachmittags die Blase, die mich umgab, kaputt. Es lief etwas Wasser ab, aber da ich meinen Kopf wie einen Stöpsel benutzte, wurde es nicht unbequem oder gefährlich für mich. Meine Eltern machten noch einen ausgiebigen Spaziergang, auf dem dann auch langsam die Wehen einsetzten. Noch waren die Wehen nicht in der Lage, mich herauszupressen, aber sie drückten meinen Kopf auf den Muttermund, so dass er langsam aufging. Als meine Eltern am frühen Abend wieder daheim waren, war der Muttermund schon ein Stück auf und jetzt legten die Wehen so richtig los. Offensichtlich waren sie für meine Mutter schmerzhaft. Zur Entspannung legte sie sich in die Badewanne, aber die Wehen ließen nicht nach, die Abstände nahmen immer mehr ab. Schließlich kam auch die Hebamme. Es war eine komisches Gefühl, als sie den Muttermund tastete. Da der bereits offen war, berührte sie meinen Kopf; die erste Berührung mit der Außenwelt.

Meine Mutter setzte sich jetzt aufs Klo, weil das für sie die angenehmste Position zum Pressen war. Langsam, ziemlich langsam schob sie mich voran, aber mir ging es die ganze Zeit recht gut. Ganz zuletzt presste sie mich auf Knie und Hände gestützt noch im Bad ganz heraus. Die Hebamme half ein klein wenig, vor allem schützte sie Mutters Damm mit heißem Kaffee (handgemahlen und frisch aufgebrüht, wie mir berichtet wurde). Ich blieb aber nur ein einer Schamlippe hängen und riss sie etwas ein, der Damm blieb intakt. Schließlich war ich ganz draußen und alle, einschließlich mir, atmeten auf. Ich wurde sofort in warme weiche Tücher gehüllt. Trotzdem war es ein kleiner Schock für mich und ich schrie etwas, worüber die anderen aber eher glücklich waren. Mutter hielt mich fest in ihren Armen und freute sich, dadurch wurde ich etwas ruhiger. Da meine Mutter mich so hielt, hatte mein Vater kaum eine Chance, an mich heran zu kommen. Dafür durfte er meine Nabelschnur durchschneiden, nachdem die Hebamme sie abgeklemmt hat. Nachdem auch die Nachgeburt da war und es meiner Mutter wieder etwas besser ging, wurden wir beide ins Schlafzimmer gebracht. Sie legte mich an ihre Brust, aber ich hatte kein so großes Interesse daran. Ich gewöhnte mich langsam an diese Welt und es war wirklich spannend, meine Eltern von außen zu sehen, ihre Stimmen direkt und ungedämpft zu hören und sie zu fühlen. Schließlich durfte ich auch zu Vater, der mich wickelte und mir meine erste Kleidung anzog, wobei die Hebamme noch einige Tipps gab. Danach aßen die drei Erwachsenen ein paar Brote und ich schlief das erste Mal außerhalb von Mutters Bauch.