Familie Schaffert

Peters Geburt aus Reinhard Sicht

Lieber Peter!

Das erste, was ich von Dir sah, war ein blauer Punkt auf einem Papierstreifen. Das war Ende Dezember 1998 und Jutta besuchte mich im Krankenhaus, wo ich gerade Dienst hatte. Sie brachte diesen Papierstreifen mit. Wir haben uns sehr darüber gefreut, denn wir wollten schon seit einiger Zeit Kinder, und dies war nun das erste Zeichen, dass es geklappt hatte. Wir hatten aber noch Angst, dass Dir in den ersten Wochen etwas passieren könnte. Deshalb wollten wir vorsichtig sein und ließen unseren sonst üblichen Skiurlaub in diesem Jahr ausfallen. Statt dessen fuhren wir in den Schwarzwald, in ein Wochenendhaus von meinem Patenonkel. Hier verbrachten wir einige geruhsame Tage.

Die Schwangerschaft verlief weitgehend komplikationslos. Insbesondere zu Beginn war Jutta kaum etwas anzumerken. Ihr war nicht übel, sie musste nicht brechen und auch sonst zeigten sich eigentlich keine Verhaltensauffälligkeiten. Später wuchs dann natürlich der Bauch, aber das einzige Problem daran war, dass meiner auch wuchs. Woran das liegt, weiß keiner, aber es geht wohl vielen Vätern so. Ich spottete selbstironisch, dass wir Zwillinge bekämen, Jutta einen und ich den anderen. Aber leider nahm mein Bauch im Gegensatz zu Juttas nach der Geburt nicht ab.

Da es Jutta gut ging, konnten wir noch im Sommer einen normalen Urlaub machen, das heißt, wir reisten mit unserem Camping-Bus. Lediglich in Bezug auf das Ziel der Reise vermieden wir es, auf eine Fähre angewiesen zu sein, damit wir notfalls jederzeit nach Hause konnten, so dass Irland und Skandinavien ausfielen. Aber die Bretagne, wo wir den Urlaub verbrachten, war auch sehr schön.

Danach wurde es für Jutta zusehends beschwerlich, aber dafür brauchte sie nicht mehr zu arbeiten. Wir besuchten einen Geburtvorbereitungskurs, der ganz gut war, abgesehen davon, dass ich aufgrund meiner vorangegangenen Arbeit manchmal bei den meditativen Abschnitten einschlief.

Da wir eine Hausgeburt vorhatten, kam Susanne, unsere (bzw. Deine) Hebamme regelmäßig zur Vorsorge zu uns. Lediglich die vorgesehenen Ultraschalluntersuchungen ließ Jutta bei der Frauenärztin durchführen. Natürlich sahen wir selbst mit dem Ultraschall nach Dir, schließlich hatten wir die Möglichkeit dazu. Wir versuchten auch, Dein Geschlecht herauszubekommen und waren uns schließlich sicher, dass Du ein Junge wirst.

Der (ärztlich) errechnete Termin war am 27. August, aber die Hebamme rechnete eher mit dem 31. August. Wenige Wochen vor dem Termin, als Du eigentlich schon lange in Schädellage lagst, hattest Du plötzlich die Idee, Dich noch einmal herumzudrehen. Damit stand natürlich unsere ganz Hausgeburtplanung infrage, denn in Steißlage entbinden selbst nur wenige Kliniken primär ohne Kaiserschnitt. Aber mit einigen Hebammentricks - leuchten mit einer Taschenlampe und klingeln mit einem Glöckchen - weckten wir Deine Neugierde, so dass Du Dich wieder drehtest. Dabei blieb es dann auch.

Ich hatte ab dem 27. August Urlaub, aber Du hast auf die Hebamme gehört und Dir noch etwas Zeit gelassen. Mir war das ganz recht. Ich konnte an diesen Tagen noch etwas für mich erledigen. Am frühen Nachmittag des 31. August berichtete Jutta von Flüssigkeitsabgang. Manche Leute machen ziemlich Panik mit dem Blasensprung, aber wir wussten, dass Dein Kopf bereits ziemlich tief im Becken liegt und Dir nicht viel passieren kann. Deshalb nahmen wir das relativ locker, packten einen Stapel Vorlagen ein und machten noch einen ausgiebigen Spaziergang im Hessenpark. Abgesehen davon, dass Jutta hier fast jedes Klo aufsuchen musste, wurden nach und nach die Wehen immer stärker. Jutta musste am Schluss fast alle 7 Minuten stehen bleiben, aber sie konnte es noch gut aushalten. Wir fuhren noch nach Friedberg rein, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, und waren dann gegen 18:00 Uhr daheim.

Sobald wir angekommen waren, ging es mit den Wehen richtig los, als würde Juttas Körper sagen, jetzt bist Du daheim in Geborgenheit, jetzt kannst Du loslegen. Die Wehen kamen jetzt alle fünf Minuten und waren so heftig, dass Jutta nur mit angezogenen Beinen daliegen konnte und ordentliche Schmerzen hatte. Sie rief Susanne an, die erstaunt darüber war, dass wir ihr nicht beim Blasensprung Bescheid gesagt hatten. Aber sie riet erst einmal zur Badewanne, wir sollten uns dann noch mal melden. Die Badewanne war für Jutta angenehm, aber die Wehen ließen nicht nach, im Gegenteil. Nach ein bis eineinhalb Stunden musste ich Susanne anrufen, die sich dann auch auf den Weg machte.

Als Susanne eintraf, war unsere Vorbereitung nicht besonders gut. Wir wussten zwar, was alles gebraucht wurde, aber wir hatten gedacht, dass nach Beginn der Wehen noch genügend Zeit wäre, alles vorzubereiten. Susanne stellte fest, dass der Muttermund schon fast vollständig offen war. Jetzt musste ich die notwendigen Dinge vorbereiten, was insofern etwas peinlich war, dass natürlich Jutta alles eingeräumt hatte und ich also erst einmal suchen musste. Einige Windeltücher kamen also in den Backofen (damit Du es nach der Geburt schön warm hattest) und es musste Kaffee für den Dammschutz gekocht werden. Da wir wenig normalen Kaffee trinken, sondern sonst eher Cappuccino aus der Espressomaschine, haben wir normalen Kaffee nur als Bohnen, die mit der Hand gemahlen werden. Als ich also die Kaffeemühle drehte, während Jutta bei jeder Wehe stöhnte, musste Susanne lachen und Jutta konnte zwischen den Wehen nur mit dem Kopf schütteln. Aber der Kaffee wurde rechtzeitig fertig und ich war beschäftigt (also ein Tipp für nervöse Väter bei der Hausgeburt zur Beschäftigungstherapie). Die Wehen wurden immer stärker und Jutta presste nun schon eine ganze Weile. Ich umarmte Jutta bei jeder Wehe und tat so, als presste ich mit. Dabei musste ich allerdings eher lachen, mein Beruf hat mich gegen die Schmerzen anderer Menschen schon etwas abgestumpft. Auf der anderen Seite hatte ich nun mal nicht die Schmerzen und Jutta hätte es auch nichts genützt (oder es wäre sogar eher hinderlich gewesen) wenn ich selbst dabei gelitten hätte. Jutta presste also und ich presste mit und stellte meinen Körper zur Verfügung, den Jutta auch weidlich nutzte und bei jeder Wehe ordentlich zusammendrückte.

Auf Anraten von Susanne saß Jutta auf dem Klo, weil es sich dort am besten pressen lässt (wie jeder weiß). Obwohl ich im Schlafzimmer mit Isomatten und Folie alles vorbereitet hatte, blieben wir auch am Schluss im relativ engen Bad, weil Jutta es einfach nicht mehr schaffte. Zuletzt in kniender Position, Susanne zwischen Jutta und Kloschüssel eingequetscht aber bei jedem umarmenden Pressen Juttas von mir angelächelt, kamst Du auf dem Badezimmerkachelboden zur Welt. Kaum warst Du draußen, nahm Dich Jutta in ihre Arme, aller Schmerz schien weg und nur noch Du warst interessant. Susanne klemmte die Nabelschnur ab und drückte mir eine Schere zum Durchschneiden in die Hand. Du wurdest in die vorgewärmten Tücher gewickelt und Jutta drückte Dich an sich. Als die Nachgeburt draußen war und sich Jutta einigermaßen erholt hatte, zogen wir ins Schlafzimmer um. Dann konnte ich Dich endlich auch in den Arm nehmen. Susanne untersuchte Jutta und musste einen Einriss in der Schamlippe nähen. Der Damm war intakt geblieben. Du wurdest von mir unter Anleitung von Susanne gewickelt und bekamst Deine erste Kleidung an. Ich wischte dann noch schnell das Bad sauber, das war immerhin ein Vorteil an Deinem Geburtsort, denn die Kacheln ließen sich leicht reinigen. Dann machten wir uns ein paar Brote, während Du zum ersten Mal außerhalb des Mutterleibes einschliefst.