Familie Schaffert

Peters Geburt aus Juttas Sicht

Liebe Jutta,

Endlich möchte ich Dir das bewegendste Erlebnis des Jahres 1999 beschreiben. Die Zeit hätte ich schon finden können. Irgendwie fehlte mir immer die Muße dazu. Ob ich jetzt noch die Einzelheiten zusammenbekomme? Ich werde mich bemühen.

Unser langersehntes Kind sollte am 28. August zur Welt kommen, hieß es (errechnet nach dem Termin der letzten Regelblutung). Der werdende Opa sagte anhand des Vollmondes den 27. voraus. Schließlich lag er damit bei seiner Tochter 33 Jahre zuvor auch richtig. Schon ab Mitte August hatte ich eigentlich keine große Lust mehr mit meinem immer dicker werdenden Bauch herumzulaufen. Obwohl sich die Gewichtszunahme in Grenzen hielt (ganz am Schluss waren es 14 Kilo) wurde das Leben immer beschwerlicher. Der wunderbare Sommer (der auch bei uns ein wirklicher Sommer war) bekam mir zwar insgesamt gut, aber manchmal wären ein paar Grad weniger nicht schlecht gewesen. Ich wurde jeden Tag runder und behäbiger, lagerte auch Wasser in den Beinen ein, und nur beim fast täglichen Schwimmen meiner 1000 Meter fühlte ich mich so beweglich und fit wie im „Normalzustand".

Der 27. August kam und ging vorüber ohne dass sich etwas tat. Reinhard hatte Urlaub und genoss sichtlich diese ganz und gar freien Tage und erledigte noch einige Arbeiten am Computer. Aber da sein Urlaub begrenzt war, und wir so viel Zeit wie möglich nach der Geburt zusammen verbringen wollten fing ich bald an zu rechnen. Als ob das helfen würde.

Susanne -unsere Hebamme- hatte von vorneherein auf den 31. getippt. Sie nahm den sehr wahrscheinlichen Empfängnistermin am Nikolaustag 1998 als Grundlage ihrer Berechnung und sollte recht behalten.

Etwa um die Mittagszeit am 31. August 1999 war es soweit:

In der Unterhose war leicht blutiger Schleim zu sehen.

Außerdem musste ich auf die Toilette, und hatte, trotz normalem Stuhlgang am Morgen, etwas Durchfall. Danach verspürte ich häufig Harndrang und irgendwann war klar, dass längst nicht all die Flüssigkeit, die da aus mir heraustropfte Urin sein konnte: Ich hatte einen Blasensprung. Da die Flüssigkeit aber immer nur Portionsweise abging und das Kleine schon tief im Becken lag, andererseits noch keine Wehen zu spüren waren, beschlossen wir, noch einen Spaziergang zu machen. Mich zog es in den Hessenpark. Bei wunderschönem Sommerwetter trödelten wir durch das Gelände. Ich suchte jede Toilette auf, um meine dicken Binden zu erneuern und irgendwann begannen die ersten Wehen. Sicher nicht zu verpassen, aber auch nicht sonderlich schlimm. Susanne hatte einmal gesagt, richtige Wehen wären es, wenn man nicht weiterlaufen könne, sondern bis zum Ende der Wehe stehen bleiben müsse. Nach dieser Definition fingen die Wehen wohl schon so gegen 15.00 Uhr an, obwohl ich es wirklich nicht so empfand. Auf dem Rückweg machten wir noch in FB halt, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen und waren ziemlich genau um 18.00 Uhr zu Hause. Wie als hätte er nur darauf gewartet, fing mein Körper auch gleich an, diesmal „richtige" Wehen zu produzieren. Regelmäßig in relativ kurzen Abständen (ich glaube so etwa alle 8 Minuten) und schon ganz ordentlich. Etwa so wie arge Menstruationsbeschwerden. Gegen 19.00 Uhr rief ich Susanne an, spielte am Telefon die Heftigkeit wohl etwas herunter (behauptet Reinhard) und bekam die Anweisung, doch mal die Badewanne aufzusuchen. Danach sollten wir uns wieder melden. Das warme Wasser tat einerseits sehr gut, aber die Wehen wurden davon stärker. Reinhard hatte vorher nach dem Muttermund getastet und meinte, er sei etwa 2 Zentimeter offen. Aber er ist ja, was Gyn anbelangt, auch ein Laie. Irgendwann musste ich einfach wieder aus der Wanne heraus und danach wurde es richtig unangenehm. Jetzt, im nachhinein, weiß ich, dass es die Übergangswehen waren. Außerdem beschloss mein Körper, dass er jetzt wichtigeres zu tun hätte, als Nahrung zu verdauen, und ich musste erbrechen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich richtiggehend Angst davor, dass Susanne, die mittlerweile von Reinhard doch herbeitelefoniert worden war, beim Untersuchen feststellen würde, dass sich nichts getan hätte.

Als Susanne kam war ich vom Bad ins Schlafzimmer gewechselt und kniete mit hoch erhobenem Hintern auf der Isomatte. Das erschien mir die beste Position, auch wenn es bestimmt ziemlich dämlich aussah. Susanne hatte auch gar nichts dagegen einzuwenden. Sie gab mir immer das Gefühl, dass ich ruhig das machen könnte, was mir in dem Moment gut tut. Irgendwie war die Atmosphäre gleich anders, als sie zur Tür hereinkam. Da kam eine Frau, die sich mit Geburten auskennt.

Die Untersuchung ergab dann einen schon fast geöffneten Muttermund und gute Herztöne. Das zu hören tat mir ungeheuer gut. Meine Arbeit war nicht umsonst gewesen und die Pressphase stand kurz bevor. Während ich mich noch mit den letzten widerlichen Wehen der Austreibungsphase quälte, bekam ich so am Rande mit, dass Susanne und Reinhard noch ein paar Vorbereitungen trafen. Der absolute Gipfel dabei war, dass Reinhard doch tatsächlich anfing mit der Handmühle Kaffee für den Dammschutz zu mahlen! Und das während ich in Wehen nicht lag, sondern nach wie vor kniete.

Etwas später machte Susanne den Vorschlag, doch die Position zu ändern, da sich so nicht so viel täte und wir zogen daraufhin ins Bad um. Ich auf das Klo, Susanne dahinter und Reinhard davor. Die aufrechtere Position tat ihre Wirkung und die Presswehen fingen an. Obwohl immer noch schmerzhaft, waren sie aber viel besser zu ertragen. Ich konnte endlich selbst etwas tun! Trotzdem schien mir die Zeit auf eine Art endlos. Sie bestand immer aus einer Wehe, während der ich ein, zwei oder auch drei Mal mitpressen konnte, während ich mich an Reinhard festhielt und den kurzen Pausen dazwischen. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Immer nur dieser Rhythmus: Wehe, mitpressen, dabei den Muttermund locker lassen, atmen, damit unser Kleiner Luft bekommt, kurze Verschnaufpause, bis zur nächsten Wehe. Hin und wieder ein Schluck Wasser oder einen Traubenzucker. Das ging wohl zwei Stunden so und ich merkte, dass mich langsam die Kraft verlies. Ich konnte erstaunlicherweise schön stöhnen (das tat richtig gut) und gegen Ende rief ich unser Kind: Komm doch endlich raus! Als Susanne mich sein Köpfchen fühlen lies gab das neue Kraft für die letzten Wehen und das wahnsinnige Dehnungsgefühl, als der Kopf endlich herauskam. Ich merkte, dass etwas einriss, aber ehrlich gesagt hat mich das wenig gestört. Nach ein oder zwei (?) weiteren Wehen war es da! Was ein Gefühl! Ich konnte es kaum glauben! Die Zeit stand still. Unser Kind war wirklich da. Es hatte alle Finger und alle Zehen und Haare auf dem Kopf und war noch so winzig und ganz verschmiert. Und es war, wie Reinhard ja schon im Ultraschall gesehen hatte, tatsächlich ein Junge. Das war um 22.25 Uhr. Wir blieben auf dem Boden im Bad liegen, der Kleine und ich, für eine kleine Weile noch verbunden durch die Nabelschnur. Er schnaufte und irgendwann schrie er auch etwas. Reinhard war es wohl, der das Licht ausmachte, damit es den Kleinen nicht blenden würde. Später hat er ihn abgenabelt. Während Reinhard und Susanne das Schlafzimmer herrichteten lagen wir in ganz enger Zweisamkeit weiter auf dem Boden und ich konnte es immer noch nicht fassen. So viel ging mir durch den Kopf. Eins blieb haften: Ich werde wohl nie vergessen, wie schmerzhaft und anstrengend die Geburt war, wie man so hilflos den Wehen ausgesetzt ist und sie nicht beeinflussen kann, aber ich werde auch nicht vergessen, wie wunderbar es ist, wenn alle Schmerzen sofort weg sind, wenn das Kind da ist. Später kam noch die Plazenta. Das ist ein wohltuend weiches Gefühl, wenn sie durch den Geburtsweg gleitet. Fast als wolle sie das geschundene Gewebe tröstend streicheln. Und ganz schön groß ist sie gewesen, fand ich jedenfalls.

Unser kleiner Sohn wurde gewogen und gemessen und angezogen und lag dann die ganze Nacht bei uns im Bett.

Als das Schlafzimmer bereit war, bin ich, wenn auch etwas klapprig, rübergelaufen und habe mich ins Bett gelegt. Susanne musterte die beiden Risse und stellte fest, dass sie besser beide genäht werden müssten. Was soll's. Das fand ich weiter nicht schlimm, obwohl sie nur Xylocainspray auf die Schleimhaut gesprüht hat. Neugierig, wie ich bin, musste ich mit dem Spiegel doch mal schauen, wie das so direkt nach einer Geburt da unten aussieht und war erstaunt, dass man wirklich kaum etwas sehen kann.

Später bin ich unter die Dusche gegangen, auch wenn mir das Aufstehen schwer fiel. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mein Unterkörper hätte gar keinen Halt. Ich musste den Bauch festhalten, sonst wäre er runtergefallen. Ganz seltsam.

Nach all der Arbeit hatten wir uns ein „Abendessen" verdient, das -wie auch alle nächsten Mahlzeiten- im bzw. am Bett stattfand. Susanne fuhr dann nach Hause und ließ eine kleine neugeborene Familie zurück.

Ich lag in der Nacht viel wach neben meinen beiden Männern und bestaunte vor allem unseren neuen kleinen Erdenbürger.